Müde zwischen dem Alten und dem Neuen
Es gibt Zeiten, da bin ich müde, und ich weiß genau, warum.
Zu wenig geschlafen. Zu viel gearbeitet. Zu viele Termine. Zu wenig Ruhe.
Und dann gibt es diese andere Müdigkeit.
Eine Müdigkeit, für die ich keine richtige Erklärung finde.
Eigentlich ist gar nicht so viel passiert. Der Tag war nicht besonders anstrengend, ich habe keine Berge versetzt und trotzdem fühlt es sich an, als hätte jemand über Nacht den Stecker gezogen.
Genau so empfinde ich es im Moment.
Alles scheint ein wenig mehr Kraft zu kosten. Dinge, die mir normalerweise leicht von der Hand gehen, brauchen plötzlich Überwindung. Selbst Schönes kann anstrengend werden. Ich möchte etwas tun – und gleichzeitig möchte ich einfach nur sitzen und nichts müssen.
Früher hätte mich das wahrscheinlich geärgert.
Ich hätte mich gefragt: Was ist denn jetzt schon wieder los mit mir?
Ich hätte versucht, mich anzutreiben. Schließlich gibt es genug zu tun. Und irgendwo findet sich doch immer noch ein bisschen Energie, wenn man sich nur genügend zusammenreißt.
Heute sehe ich das anders.
Muss Müdigkeit immer weg?
Vielleicht müssen wir nicht jede Müdigkeit sofort beseitigen.
Vielleicht gibt es Zeiten, in denen unser Inneres sehr viel mehr beschäftigt ist, als wir mit unserem Verstand wahrnehmen.
Ich empfinde die Energien im Moment als dicht und fordernd. Nicht unbedingt schlecht. Aber kraftzehrend.
Es ist ein bisschen wie bei einem Computer, bei dem im Hintergrund Programme laufen. Auf dem Bildschirm passiert kaum etwas – und trotzdem arbeitet das System auf Hochtouren.
Vielleicht kennen wir Menschen solche Zeiten ebenfalls.
Im Außen scheint alles weitgehend normal zu sein. Doch im Inneren sortiert sich etwas neu.
Alte Gedanken passen nicht mehr so richtig. Gewohnheiten verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Manche Dinge, die lange wichtig waren, fühlen sich plötzlich weniger bedeutsam an.
Und gleichzeitig ist das Neue noch nicht richtig da.
Dieser merkwürdige Raum dazwischen
Vielleicht ist genau das so anstrengend.
Nicht mehr ganz dort zu sein – aber auch noch nicht angekommen.
Ich kenne diesen Zwischenraum inzwischen gut.
Und trotzdem fällt es mir nicht immer leicht, ihn auszuhalten.
Ich bin ein Mensch, der gerne verstehen möchte. Wenn sich etwas verändert, möchte ich am liebsten sofort wissen, wohin es führt. Geduld gehört bekanntlich nicht zu meinen größten Talenten.
Aber manche Entwicklungen lassen sich nicht beschleunigen.
Sie brauchen ihre eigene Zeit.
Vor einigen Tagen zog ich die Rune Inguz. Für mich trägt sie das Bild von etwas in sich, das herangereift ist. Etwas ist bereits entstanden, aber noch verborgen.
Danach kam Dagaz – der Tagesanbruch, die Schwelle, der Wandel vom Dunkel ins Licht.
Und plötzlich bekam meine Müdigkeit für mich eine andere Bedeutung.
Was, wenn ich nicht müde bin, weil mir etwas fehlt?
Was, wenn ich gerade so viel Kraft brauche, weil sich etwas in mir verändert?
Dieser Gedanke fühlt sich vollkommen anders an.
Nicht immer dagegen kämpfen
Wir leben in einer Welt, in der Müdigkeit möglichst schnell behoben werden soll.
Kaffee. Schlaf. Bewegung. Motivation. Durchhalten.
Und natürlich braucht unser Körper Ruhe.
Aber vielleicht braucht manchmal auch unsere Seele Ruhe.
Nicht, weil sie schwach geworden ist.
Sondern weil sie arbeitet.
Vielleicht dürfen wir uns dann erlauben, ein wenig langsamer zu werden. Nicht jeden freien Moment mit einer Aufgabe zu füllen. Nicht sofort nach einer Erklärung zu suchen.
Einfach einmal wahrnehmen:
Wie geht es mir eigentlich gerade?
Was kostet mich Kraft?
Und was möchte ich vielleicht nicht länger mit meiner Kraft versorgen?
Diese letzte Frage beschäftigt mich besonders.
Denn vielleicht geht es nicht immer darum, mehr Energie zu bekommen.
Vielleicht geht es manchmal darum, genauer hinzusehen, wohin unsere Energie fließt.
In Verpflichtungen, die längst keine Freude mehr machen?
In Erwartungen anderer?
In Gedanken, die sich ständig im Kreis drehen?
Oder in etwas Neues, das tief in uns bereits begonnen hat, obwohl wir es noch gar nicht benennen können?
Vielleicht muss ich gerade gar nichts wissen
Das ist vermutlich meine schwierigste Übung.
Nicht sofort eine Antwort haben zu müssen.
Nicht zu wissen, was als Nächstes kommt.
Nur wahrzunehmen: Etwas verändert sich.
Und mir zu erlauben, dabei müde zu sein.
Vielleicht ist diese Müdigkeit kein Stillstand.
Vielleicht ist sie ein Teil des Übergangs.
Wie die Dunkelheit kurz vor dem Morgen.
Der neue Tag ist noch nicht zu sehen.
Und trotzdem ist er längst unterwegs.
Manchmal brauchen wir unsere Kraft nicht, um weiterzulaufen.
Manchmal brauchen wir sie, um in Ruhe zu werden, was wir längst begonnen haben zu sein.
Alles Liebe
Eure Petra


Ein Kommentar
Liebe Petra,
Wie immer: Ganz herzlichen Dank für deine weisen Worte – mir direkt aus der Seele gesprochen.
Alles Liebe