„Eine andere Zeitlinie – wenn Erinnerungen plötzlich Abschied nehmen“
Manchmal fühlt es sich an, als würde man aus Versehen auf eine andere Zeitlinie geraten.
Nicht mit einem Knall. Eher leise. So, als wäre man kurz eingenickt und in einem leicht verschobenen Jetzt wieder aufgewacht.
Innerhalb von wenigen Wochen reise ich nun schon wieder in meine alte Heimat um an einem Begräbnis teilzunehmen. Eine gute alte Bekannte und Freundin ist doch überraschend verstorben. In dieser Stimmung dachte ich an alle meine Kunden, die wohl nicht mehr unter uns weilen. Ich war traurig und wollte es wissen.
So ging es mir dann auch nicht sonderlich gut, als ich die Traueranzeigen meiner alten Heimat las.
Namen, Gesichter, Geschichten – Menschen, die ich kannte, die ich beraten habe, deren Sorgen ich hörte, deren Medikamente ich vielleicht zuletzt ausgehändigt habe.
Jetzt tauchen sie auf unter den Rubriken „In stiller Trauer“ oder „Für immer im Herzen“.
„Vielleicht geht es nicht darum, die Zeit festzuhalten.
Sondern darum, sie würdig zu erinnern.“
Es ist seltsam – und ein bisschen unwirklich.
Ich lebe mein Leben an einem anderen Ort, in einem neuen Umfeld. Ich habe neue Wege gefunden, andere Rhythmen, andere Menschen.
Aber plötzlich – beim Lesen dieser vertrauten Namen – war alles wieder da:
Die Gerüche der Apotheke.
Die freundlichen, manchmal müden Blicke.
Die Gespräche zwischen Rezept und Lebensgeschichte.
Und der stille Wunsch, helfen zu können – nicht nur mit Medikamenten, sondern mit Menschlichkeit.
Ich war traurig.
Verwundert.
Und für einen Moment hatte ich das Gefühl, aus meiner eigenen Vergangenheit ausgeklinkt zu sein.
So, als hätte das Leben einen Schnitt gemacht – und meine Spur liefe nun woanders weiter, ohne dass ich mich verabschieden konnte.
Bin ich auf einer anderen Zeitlinie?
Vielleicht ja.
Vielleicht ist das Erwachsenwerden, das Weitergehen, genau das:
Ein Wechsel auf eine neue Spur – mit Blick zurück, aber mit Füßen in der Gegenwart.
„Es ist nicht so, dass es nicht mehr mein Leben ist.
Es ist nur nicht mehr mein Alltag.“
Ein vergangenes Kapitel, das noch im gleichen Buch liegt – aber dessen Seiten inzwischen umgeblättert sind.
Und doch…
Ich war dort. Ich habe gelebt, gelacht, getrauert.
Ich habe gewirkt, erinnert, begleitet.
Diese Menschen sind nicht einfach Namen – sie waren Teil meiner Welt, so wie ich ein winziges Stück ihrer war.
Vielleicht geht es nicht darum, die Zeit festzuhalten.
Sondern darum, sie würdig zu erinnern.
Und sich selbst die Erlaubnis zu geben, traurig zu sein – nicht nur über das, was war, sondern auch über das, was nie wieder so sein wird.
Und wer weiß – vielleicht sind Zeitlinien nicht starr.
Vielleicht berühren sie sich manchmal, in einem Satz, in einem Duft, in einem Namen in der Zeitung.
Und für einen Moment weiß man:
Ich war dort. Und es war bedeutungsvoll.
Und so geht es weiter……
Es bilden sich immer neue Zeitlinien : Menschen- Meinungen – Umstände–besonders unsere persönlichen Veränderungen lassen uns in unserer eigenen Zeitlinie eintauchen.
Und wir bleiben dort nicht konstant, wir tauchen immer mal wieder auf und werden einer anderen Zeitlinie bewußt.
Achtet auf Eure Gedanken, auf Eure Gefühle !
Alles Liebe! und bis nächste Woche
Eure Petra Reibenwein

