Wie sollen unsere Kinder Freude an der Arbeit finden, wenn sie unsere Arbeit nicht kennen?
Ein Frühstücksgespräch, das mich nachdenklich gemacht hat.
Heute Morgen saßen wir mit guten Freunden beim Frühstück. Wie so oft entwickelten sich aus einem gemütlichen Gespräch plötzlich Gedanken, die weit über den Frühstückstisch hinausreichen.
Wir kamen auf meinen letzten Blog zurück, in dem ich mich mit den unterschiedlichen Generationen, ihren Erwartungen und ihrem gegenseitigen Verständnis beschäftigt hatte.
Meine Freundin brachte einen Aspekt ins Gespräch, den ich bisher nicht ausreichend berücksichtigt hatte.
Woher sollen junge Menschen eigentlich wissen, was sie einmal beruflich machen möchten, wenn sie kaum noch erleben, was ihre Eltern arbeiten?
Ich begann nachzudenken und mich zu erinnern.
Ich gehöre zur Generation der Babyboomer. Schon als fünfjähriges Mädchen durfte ich einen kleinen Einblick in das Berufsleben meines Vaters gewinnen. Wenn er sonntags Dienst in der Apotheke hatte, besuchten meine Mutter und ich ihn dort.
Ich beobachtete, wie er seine Kunden bediente, wie er Rezepturen zubereitete, wie selbstverständlich er seine Aufgaben erfüllte. Und natürlich bekam auch ich, wie alle kleinen Kunden, meine Traubenzuckerbonbons, um mir die Wartezeit zu versüßen.
Ich lernte seine Arbeit kennen. Nicht durch Erklärungen, nicht durch Berufsberatung, sondern durch das einfache Dabeisein.
Später, in unserer eigenen Apotheke, wurde ich ganz selbstverständlich in die betrieblichen Abläufe einbezogen. Ich besserte mein Taschengeld auf, indem ich die kleinen Fläschchen der Homöopathie abstaubte und ordentlich in die Regale zurückstellte. Für eine halbe Stunde Arbeit erhielt ich 50 Pfennig.
Ich war stolz auf meinen Verdienst. Und ganz nebenbei lernte ich, dass Arbeit etwas mit Verantwortung, Zuverlässigkeit und auch mit Anerkennung zu tun hatte.
Meine Mutter arbeitete selbstverständlich im Betrieb mit. Wir Kinder erledigten unsere Schulaufgaben eigenständig. Wenn Nachhilfe nötig war, wurde sie organisiert, aber nicht von unseren Eltern übernommen.
Meine Freundin erzählte, dass sie als Kind häufig im Büro des elterlichen Geschäftes gewesen war. Sie durfte mit der Rechenmaschine spielen und die Schreibmaschine ausprobieren. Sie kannte die Menschen, die dort arbeiteten, und hatte eine Vorstellung davon, was ihre Eltern den ganzen Tag taten.
Wir waren Teil der Arbeitswelt unserer Eltern.
Auf dem Bauernhof halfen die Kinder mit, im kleinen Geschäft durften sie zeitweise bei ihren Eltern sein. Der Lokführer erzählte seinem Sohn von seinen Fahrten, und das Kind einer Kindergärtnerin erlebte gelegentlich, wie seine Mutter mit den anderen Kindern arbeitete.
Natürlich war damals nicht alles besser. Es gab harte Arbeit, wenig Freizeit, manchmal auch Erwartungen an die Kinder, die sie überforderten. Und längst nicht jedes Kind hatte die Möglichkeit, den Beruf seiner Eltern kennenzulernen.
Aber etwas war für viele von uns selbstverständlich: Wir wussten, womit unsere Eltern ihren Lebensunterhalt verdienten.
Wir hatten Vorbilder. Vielleicht wollten wir ihnen nacheifern. Vielleicht erkannten wir auch sehr früh, dass dieser Beruf überhaupt nicht unseren Vorstellungen entsprach.
Aber wir hatten ein Bild davon!
Und wie ist es heute?
Meine Freundin, die viele Jahre in der pädagogischen Betreuung von Schulkindern tätig war, erzählte von einer bemerkenswerten Erfahrung.
Auf die Frage, was ihre Eltern beruflich machten, konnten manche Kinder keine Antwort geben.
„Irgendetwas mit Computern.“
„Im Büro, glaube ich.“
Mehr wussten sie nicht.
Das ist eigentlich erstaunlich.
Unsere Arbeitswelt hat sich verändert. Viele Berufe finden hinter Bildschirmen statt, in großen Unternehmen, in Besprechungsräumen oder im Homeoffice. Die Arbeit ist für Kinder oft kaum sichtbar oder verständlich.
Und was erleben sie, wenn ihre Eltern nach Hause kommen?
Nicht selten sind diese müde, gestresst und erschöpft. Sie erzählen von schwierigen Vorgesetzten, von Termindruck, Überforderung und Ärger mit Kollegen.
Das soll kein Vorwurf sein. Die Belastungen sind real, und natürlich dürfen Eltern darüber sprechen.
Aber welches Bild von Arbeit entsteht dadurch in den Köpfen unserer Kinder?
Arbeit macht müde. Arbeit macht unzufrieden. Arbeit raubt Lebenszeit.
Kann man es jungen Menschen verdenken, wenn sie möglichst früh nach einer guten Work-Life-Balance suchen? Wenn sie sich fragen, ob sie sich diesem Druck überhaupt aussetzen möchten?
Dabei ist der Wunsch nach einem ausgewogenen Leben keineswegs falsch. Vielleicht hat die junge Generation sogar erkannt, was wir Babyboomer lange übersehen haben: Dass Arbeit nicht das ganze Leben sein darf.
Aber Arbeit kann auch etwas anderes bedeuten.
Sie kann Freude machen, Menschen verbinden, Selbstvertrauen schenken. Sie kann das Gefühl vermitteln, gebraucht zu werden, etwas zu gestalten und mit den eigenen Fähigkeiten einen Beitrag zu leisten.
Wie sollen Kinder diese Seite kennenlernen, wenn sie davon kaum etwas erfahren?
Ich erinnere mich an eine Begebenheit mit unserem Sohn.
Mein Mann war damals in der Automobilbranche tätig. Er schulte Verkäufer und beriet Betriebe in wirtschaftlichen Fragen.
Unser Sohn, voller jugendlichem Selbstbewusstsein, sagte eines Tages sinngemäß zu ihm:
„Super! Du erklärst den Verkäufern, wie sie arbeiten sollen, und zeigst den Chefs, wie sie ihre Betriebe besser führen können. Gib mir deine Unterlagen, das mache ich auch!“
Wir mussten lachen.
Aber er hatte eine Vorstellung davon, was sein Vater tat. Er konnte sich etwas darunter vorstellen, und offensichtlich gefiel ihm diese Tätigkeit.
Heute arbeitet er selbst als Manager in der Automobilbranche.
Natürlich ist das kein Beweis dafür, dass Kinder den Beruf ihrer Eltern übernehmen werden. Und das sollen sie auch gar nicht.
Aber es zeigt, wie wichtig Einblicke, Begegnungen und persönliche Erfahrungen sein können.
Vielleicht sollten wir unsere Kinder wieder häufiger an unserer Arbeit teilhaben lassen. Ihnen erzählen, was wir eigentlich tun. Nicht nur, was uns ärgert, sondern auch, was uns gelungen ist. Worüber wir uns freuen. Welche Probleme wir lösen konnten.
Vielleicht sollten wir ihnen erklären, warum unsere Arbeit wichtig ist und für wen wir sie tun.
Und vielleicht sollten wir sie fragen, was sie daran interessant finden.
Nicht jeder Arbeitsplatz eignet sich für Kinderbesuche. Aber ein Gespräch am Abend, ein gemeinsamer Blick auf ein Projekt, ein Besuch am Tag der offenen Tür oder eine kleine Aufgabe können bereits Türen öffnen.
Wir sprechen so häufig darüber, dass die Jugend keine Orientierung habe, keine Verantwortung übernehmen wolle oder zu hohe Erwartungen an das Berufsleben stelle.
Aber haben wir ihr ausreichend Gelegenheit gegeben, Neugier auf die Arbeitswelt zu entwickeln?
Vielleicht beginnt Berufsorientierung nicht erst in der Schule, bei einem Eignungstest oder bei der Wahl einer Ausbildung.
Vielleicht beginnt sie viel früher.
Mit einem kleinen Mädchen, das seinem Vater beim Zubereiten einer Rezeptur zusieht.
Mit einem Kind, das stolz seine ersten 50 Pfennig verdient.
Mit einer alten Schreibmaschine im Büro der Mutter.
Oder mit einem Jungen, der die Unterlagen seines Vaters haben möchte, weil dessen Arbeit in seinen Augen so einfach und faszinierend aussieht.
Vielleicht müssen wir nicht nur darüber reden, was die junge Generation anders machen sollte.
Vielleicht sollten wir ihr wieder mehr von unserer eigenen Welt zeigen.
Und dabei nicht vergessen, ihr auch von den schönen Seiten unseres Arbeitslebens zu erzählen.
Denn wie soll Begeisterung entstehen, wenn wir nur von Belastung sprechen?
Und wie sollen junge Menschen ihren eigenen Weg finden, wenn wir ihnen die Wege, die wir gegangen sind, nicht zeigen?
Meine eigenen Kinder sind gewissermaßen in einer Apotheke aufgewachsen. Drei Generationen – die Großeltern, die Mutter und die Kinder – waren mit diesem Betrieb verbunden.
Sie erlebten die Nachtdienste, die Verantwortung, die Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums, aber auch die Jahre, in denen die Erträge zurückgingen. Sie bekamen mit, wie sehr ein selbstständiger Betrieb von politischen Entscheidungen, wirtschaftlichen Entwicklungen und äußeren Einflüssen abhängig sein kann.
Sie lernten nicht nur die Sonnenseiten kennen.
Und dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, konnten sie ihre eigenen Entscheidungen treffen.
Latein wollten sie nicht lernen, Chemie begeisterte sie nicht sonderlich. Damit war für beide klar: Die Pharmazie würde nicht ihr Weg werden.
Und das war gut so!
Sie wählten andere Berufe und haben darin ihren Platz gefunden. Heute sind beide mit ihrer beruflichen Tätigkeit so zufrieden, wie man es im Arbeitsleben wohl sein kann.
Für mich liegt darin eine wichtige Erkenntnis:
Kinder müssen nicht in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Aber sie sollten wissen, welche Wege ihre Eltern gegangen sind, um ihren eigenen Weg bewusster wählen zu können.
Vielleicht ist das eine der wertvollsten Formen der Berufsorientierung: nicht Erwartungen zu erfüllen, sondern aus eigenen Beobachtungen und Erfahrungen Entscheidungen treffen zu dürfen.
„Wir müssen unseren Kindern nicht den Weg vorgeben. Aber wir sollten ihnen zeigen, wie viele Wege es gibt – und ihnen zutrauen, ihren eigenen zu finden.“
Allen eine stressfreie Woche!
Eure Petra

