45 Cent Heimat
Eine ganze Woche waren wir in Deutschland – in meiner alten Heimat. Und während ich jetzt wieder zu Hause sitze, merke ich, dass ein Teil von mir noch dort geblieben ist.
Es war keine spektakuläre Reise. Keine großen Sehenswürdigkeiten, keine weiten Entfernungen. Und doch war diese Woche angefüllt mit Begegnungen, Erinnerungen und neuen Erkenntnissen.
Bei einer lieben Freundin, Heilpraktikerin und Ärztin, durfte ich wieder vieles erfahren und lernen. Neue Gedanken haben sich geöffnet, Zusammenhänge wurden sichtbar, und einiges davon wird ganz selbstverständlich in meine eigene energetische Arbeit einfließen. Gleichzeitig durfte auch ich meine Erfahrungen und Erkenntnisse mit ihr teilen.
Genau diesen Austausch liebe ich: wenn Wissen nicht belehrt, sondern sich begegnet. Wenn zwei Menschen einander etwas schenken und beide anschließend reicher weitergehen.
Wir trafen Freunde, die uns über all die Jahre und trotz der Entfernung verbunden geblieben sind. Menschen, bei denen es kein langes Wiederannähern braucht. Man sitzt zusammen, beginnt zu erzählen – und plötzlich scheint die Zeit dazwischen gar nicht mehr so groß zu sein.
Und natürlich zog es mich auch zu den alten Orten.
Ich betrachtete die für diese Gegend so typischen Fachwerkkirchen. Diese kleinen Kirchen berühren mich auf eine besondere Weise. Vielleicht, weil sie so selbstverständlich in der Landschaft stehen. Holz, Stein, jahrhundertealte Mauern – stille Zeugen all der Menschen, die vor uns dort gelebt, gehofft, gebetet, geliebt und Abschied genommen haben.
Dann führte mich der Weg zurück an einen Ort meiner Kindheit, dorthin, wo meine Großeltern gelebt hatten.
Der Anlass war erstaunlich nüchtern: Ich musste Grundsteuer bezahlen.
45 Cent.
45 Cent für ein großes, aber anscheinend nicht sehr wertvolles Grundstück, das mich bis heute mit diesem Ort verbindet.
Ich musste darüber lächeln. Wie wenig es manchmal braucht, um eine Verbindung aufrechtzuerhalten. Ein Stückchen Erde. Ein Eintrag irgendwo in einem Register. 45 Cent.
Und dahinter eine ganze Welt von Erinnerungen.
Besonders berührt hat mich auch unser Besuch in Willingshausen, der alten Malerkolonie in der Schwalm. Schon als neunjähriges Mädchen war ich mit meinem Vater dorthin gewandert.
Erstaunlich, was ein Kind in seiner Erinnerung bewahrt.
Ich erinnerte mich an die wunderschönen Landschaftsbilder. An eine kleine Gaststätte, in der wir zu Mittag gegessen hatten. Und vor allem an ein beeindruckendes Gemälde, das dort über einem alten Kanapee hing.
Mehr als sechs Jahrzehnte später waren diese Bilder noch immer in mir.
Vielleicht suchen wir deshalb manchmal die Orte unserer Kindheit wieder auf. Nicht nur, um zu sehen, was aus ihnen geworden ist, sondern um jenem Menschen zu begegnen, der wir dort einmal waren.
Dem kleinen Mädchen, das mit seinem Vater durch die Landschaft wanderte und Bilder betrachtete.
Der jungen Petra, die damals noch nicht wissen konnte, wohin ihr Weg sie einmal führen würde.
Und vielleicht flüstert dieses Kind uns bei einer solchen Rückkehr etwas zu:
Siehst du – ich bin immer noch da.
Zum Abschluss unserer Reise durften wir noch etwas ganz Besonderes erleben: den 100. Geburtstag der Mutter einer Freundin. Eine erstaunlich rüstige Seniorin, umgeben von Menschen, die diesen außergewöhnlichen Tag mit ihr feierten.
Hundert Jahre Leben.
Wie viele Geschichten, Abschiede, Neubeginne, Freuden und Veränderungen mögen darin verborgen sein?
Vielleicht hat mich gerade deshalb diese ganze Woche so tief berührt. Überall begegnete mir gelebte Zeit: in alten Freundschaften, in den Fachwerkkirchen, in den Erinnerungen an meinen Vater, in einem Stück Land meiner Großeltern und schließlich in einem Menschen, der auf hundert Lebensjahre zurückblicken darf.
Als wir wieder nach Hause fuhren, spürte ich etwas, das ich gar nicht erwartet hatte:
Ich wollte noch bleiben.
Nicht unbedingt länger an diesem einen Ort. Ich wollte noch ein wenig länger in dieser Energie verweilen.
In diesem Gefühl von Vertrautheit.
Von Verbundenheit.
Von Heimat.
Vielleicht ist Heimat nämlich gar nicht dort, wo wir wohnen.
Vielleicht besteht Heimat aus all den unsichtbaren Fäden, die uns mit Menschen, Landschaften und Erinnerungen verbinden. Manche davon werden über die Jahre dünner. Andere bleiben erstaunlich stark.
Und manchmal genügt eine Reise, ein altes Bild, eine Begegnung – oder sogar eine Grundsteuerrechnung über 45 Cent –, um sie wieder zu spüren.
Dann erkennen wir:
Wir können weit fortgehen, ohne unsere Wurzeln zu verlieren.
Denn manches Stück Heimat tragen wir nicht unter unseren Füßen.
Wir tragen es in uns.
Ich gehöre dazu.
Ich bin verbunden.
Ich komme von hier.
Und ich darf wieder heimkommen – auch zu mir selbst.
Eure Petra


2 Kommentare
Wie schön, wenn man als Kind an einem Ort aufgewachsen ist, den man als Heimat empfand! Ich selber habe Heimat erst im reifen Erwachsenenalter kennengelernt. Verwurzelung an einem Ort, Zugehörigkeit zu einm Stück Erde kenne ich nicht. Doch gibt es Orte, denen ich mich verbunden fühle. Dort habe ich nicht gewohnt, sondern Erlebnisse gehabt mit Menschen, denen ich tief verbunden war. Wenn ich viele Jahre später an diese Orte zurückkehrte, spürte ich, dass diese Erlebnisse in der Erde und in der Aura dort gespeichert sind.
Herzbewegte Grüße,
Jutta
Sehr wohl nachvollziehbar, liebe Petra! Oft habe ich mich schon gefragt, was ist Heimat für mich? Ja, und es geht mir auch ähnlich, wie Jutta. Und ich kann Stationen in meinem Leben als Heimat beschreiben, wie Kindheitsheimat, oder Erwachsenenheimat, Begegnungsheimat, „deja vu Heimaten“, starke energetische Verbindungen zu Orten, andere „Zeitlinien“ und mehr, und uraltes Wissen drumherum. Also – schlussfolgerte ich für mich – ein Seinszustand. Herzlichst von Eva-Maria