Wenn Dankbarkeit nicht reicht

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Wenn Dankbarkeit nicht reicht

Es ist Sonntagmorgen.

Eigentlich sollte ich dankbar sein.

Meine Kinder aus Mexiko waren da. Ich habe sie gesehen, konnte sie in den Arm nehmen, mit ihnen reden, lachen, Zeit verbringen. Gestern sind sie wieder gefahren.

Und heute bin ich traurig.

Nicht dramatisch traurig. Es ist eher diese stille Schwere, die sich über alles legt. Ich bin müde, obwohl ich gar nicht genau sagen kann, wovon. Und während ich hier sitze und eigentlich meinen Sonntagsblog schreiben möchte, ertappe ich mich schon wieder dabei, nach einer Erklärung zu suchen.

Warum bin ich so müde?
Warum bin ich traurig?
Warum bin ich nicht einfach zufrieden?

Ich habe doch so vieles, wofür ich dankbar sein kann.

Und genau an dieser Stelle beginnt etwas, das ich sehr gut kenne: Ich hinterfrage mich.

Vielleicht zu viel.

Ich suche nach Ursachen, nach alten Mustern, nach einer Botschaft meines Körpers, meiner Seele, meines Lebens. Irgendwo muss doch die Antwort liegen. Irgendwo muss doch etwas sein, das ich erkennen, lösen oder verändern kann.

Aber was, wenn es heute gar nichts zu lösen gibt?

Dieser Gedanke ist für mich ungewohnt.

Vielleicht bin ich einfach traurig, weil Menschen, die ich liebe, wieder gegangen sind.

Vielleicht bin ich müde, weil Nähe auch Kraft kostet – gerade dann, wenn sie schön ist. Weil in wenigen gemeinsamen Stunden so vieles mitschwingt: Freude, Liebe, Erinnerungen und das Wissen, dass die Zeit miteinander begrenzt ist.

Und vielleicht ist meine Unzufriedenheit keine Undankbarkeit.

Das ist für mich heute der wichtigste Gedanke.

Dankbarkeit und Sehnsucht dürfen gleichzeitig existieren.

Ich darf dankbar für mein Leben sein und mir trotzdem etwas anderes wünschen.

Ich darf mein Haus lieben und mich manchmal einsam fühlen.

Ich darf stolz auf das sein, was ich geschaffen habe, und trotzdem fragen: War das schon alles?

Ich darf meine Familie lieben und traurig sein, wenn sie wieder in ihr eigenes Leben zurückkehrt.

Vielleicht beginnt Undankbarkeit erst dort, wo ich das Gute nicht mehr sehen kann. Aber das kann ich.

Ich sehe es sehr wohl.

Nur gibt es neben dem Guten noch etwas anderes.

Eine Sehnsucht.

Wonach?

Genau das weiß ich nicht.

Und vielleicht macht mich gerade dieses Nichtwissen so unruhig.

Ich bin es gewohnt, nach Antworten zu suchen. Mein ganzes Leben lang wollte ich verstehen. Menschen, Zusammenhänge, Krankheiten, Energien – und nicht zuletzt mich selbst.

Doch vielleicht gibt es Lebensphasen, in denen die Frage wichtiger ist als die schnelle Antwort.

Ich bin 76 Jahre alt. Ich habe gelebt, geliebt, gearbeitet, gekämpft, aufgebaut, losgelassen und immer wieder neu angefangen.

Und trotzdem gibt es in mir offenbar noch etwas, das sagt:

Da ist noch etwas.

Nicht unbedingt etwas Großes.

Vielleicht muss ich nirgendwo mehr ankommen.

Vielleicht geht es vielmehr darum herauszufinden, was sich heute noch lebendig anfühlt.

Was möchte ich erleben?

Mit wem möchte ich lachen?

Was möchte ich noch sagen?

Wo möchte ich dazugehören?

Was möchte durch mich noch in die Welt?

Ich kenne die Antworten heute Morgen nicht.

Und zum ersten Mal versuche ich, mich dafür nicht zu verurteilen.

Vielleicht muss nicht jeder Sonntag eine Erkenntnis bringen.

Vielleicht darf ein Sonntag auch einfach ein stiller Zwischenraum sein.

Ein Tag, an dem ich meine Kinder vermisse.

Ein Tag, an dem ich müde bin.

Ein Tag, an dem Dankbarkeit und Traurigkeit nebeneinander auf meinem Sofa sitzen dürfen.

Und vielleicht frage ich heute einmal nicht:

„Was stimmt nicht mit mir?“

Sondern:

„Wonach sehnst du dich, Petra?“

Und das Fiese daran ist: Ich weiß nicht einmal, wonach ich mich wirklich sehne.

Aber vielleicht muss ich sie heute auch noch nicht haben.

Alles Liebe

Eure Petra

2 Kommentare

  1. Liebe Petra,
    ich verstehe dich so gut!
    Zutiefst dankbar zu sein und sich dennoch sehnen.
    Darüber hatte ich vor einigen Monaten ein Gespräch mit einer guten Bekannten. Sie verstand nicht, dass man nicht mit dem zufrieden ist, was man bekommen hat, unsere aufkeimende Freundschaft endete deshalb. Für mich war tiefe Dankbarkeit und dennoch Sehnsucht nie ein Widerspruch, sondern eher Streben nach Zukünftigem. Dankbarkeit ist gut und wichtig, aber vielleicht auch Stillstand, wenn keine Sehnsucht dabei ist.
    Herzbewegte Grüße, Jutta

  2. Liebe Petra vielen Dank für deine Worte.
    Genau so fühle ich im Moment auch.
    Habe das Gefühl, dass du meine Gedanken aussprichst.
    Liebe Grüße
    Elisabeth

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